• Raphael Brinkert

DER KOMMUNIKATIVE ELCHTEST DER VOLKSPARTEIEN

In Zeiten, in denen eine 16jährige die Jugend der Welt mobilisiert, Kinder mit ihren Eltern und Großeltern über den Klimaschutz diskutieren und Gefahr besteht, dass die AFD sich als drittstärkste Kraft etabliert, greifen bewährte Erfolgsrezepte der Parteienkommunikation ins Leere. 


Im Wettstreit um eine hochsensible und kritische Wählergeneration, die Antworten verlangt und diese über digitale Kanäle mit hohen Reichweiten und Öffentlichkeit einfordert, braucht es Realtime-Kommunikation auf Augenhöhe. Es ist eine Zeit, in der selbst Leitmedien nicht selten vom Mittler zum Zuschauer werden und Volksparteien mehr Wähler biologisch als demokratisch verlieren. Eine Zeit, in der ein vermeintlicher David wie Greta oder Rezo dank der Digitalisierung innerhalb kürzester Zeit zu einem Goliath mutiert. 


Vieles erinnert dabei in diesen Monaten an den legendären Elchtest, der Mercedes-Benz Ende der 90er Jahre in eine plötzliche Unternehmenskrise zwang und die Kernkompetenzen des führenden Automobilherstellers in Punkto Sicherheit und Qualität bei Einführung der A-Klasse in Frage stellte. Damals fehlte nicht nur eine Früherkennung, sondern auch eine Kommunikationsstrategie, mit der die Krise rechtzeitig eingedämmt worden wäre. 


Mercedes gelang der Turnaround erst durch Auslieferungsstopp, Nachbesserung und einem Neustart mit einer offensiven Kommunikationsstrategie und Deutschlands damaligem Superstar Boris Becker. Eine nationale und breitenwirksame Kommunikation, die eigene Fehler nicht nur eingeräumt hat, sondern mit Zeilen wie „Stark ist, wer keine Fehler macht. Stärker ist, wer aus Ihnen lernt.“ oder „Ich habe aus meinen Rückschlägen oft mehr gelernt als aus meinen Erfolgen.“ auch selbstkritisch und proaktiv angesprochen hat. Eine Kommunikation, die neben der Veränderung des Produkts Vertrauen zurückgewonnen und Mercedes und der A-Klasse eine zweite Chance eingeräumt hat. 

Die besten Kommunikatoren von Parteien sind nicht geliehene Gesichter, sondern die Persönlichkeiten und ihre Programme, die glaubwürdig Themen präsentieren und diese auch notfalls gegen den Willen in der eigenen Partei vertreten. Mutige Charaktere, die für Ideale kämpfen und Nachhaltigkeit als das verstehen, was es ist: Die beste Schnittmenge von Umwelt, Wirtschaft und Sozialem. 


Deutschlands Volksparteien brauchen Macher, die anpacken und Klartext reden, statt im Konsens und der Allianz der Mittelmäßigkeit zu verfallen. Sie brauchen frische unbelastete Gesichter, die Vertrauen zurückgewinnen und mit fortschrittlichen Ideen Klimaschutz und Wirtschaft, Digitalisierung und Tradition, zu Partnern statt Feinden machen. 


Noch haben die Volksparteien die Chance, Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückzugewinnen. Noch können sie mit gemeinsamen Konzepten in der GroKo überzeugen. Doch beim Klimaschutz wird bereits der nächste Fehler gemacht: Komplizierte Tippel-Schritte statt mutiger Lösungen. Eine mutige Lösung wäre gewesen, den Soli in ein Umwelt- und Digital-Soli umzuwandeln und die 17 Mrd. Euro im Jahr als Belohnungs- und Anreizsystem für Umweltschutz und Digitalisierung zu nutzen. Stattdessen komplizierte Lösungen, die kaum jemand versteht und noch schwerer zu kommunizieren sind. 


15 Jahre nach der Einführung der ersten A-Klasse hat Mercedes die A-Klasse, nach mehreren zwischenzeitlichen Facelifts, komplett neu erfunden. Der Grund war die (Rück-) Eroberung neuerer und jüngerer Zielgruppen. Eine der Headline der damaligen Kommunikation lautete "A - wie Angriff". 


Vielleicht ist es höchste Zeit, dass sich die Volksparteien neu erfinden und auf Angriff schalten. Aber dafür braucht es auch das richtige Personal.


#justmytwocents

Raphael